„Nächster Halt: Wilhelm-Leuschner-Platz. Zentraler Umsteigepunkt. Zugang zur Innenstadt.“ Ich steige aus. Gehe aber nicht in die Innenstadt. Überquere die Straße in die andere Richtung. Richtung Rossplatz. Richtung Südosten.
Eigenartig verwucherte 60er-Jahre Heimeligkeit. Ein „moderner“ Brunnen, in dem nie Wasser fließt. Ein Gebäude, dessen Zweck ich nicht kenne. Hohe Bäume. Und Parkbänke, auf denen beinah nie jemand sitzt. Selten einmal ein altes Ehepaar. Noch seltener Jugendliche mit Bierflaschen in der Hand.
Es ist still.Der Weg endet an einer Holzwand. Dahinter eine Baustelle. Erst einmal habe ich sie dort arbeiten sehen.
Der gewiefte Leipziger weiß jedoch, dass er sich durch die Büsche schlagen kann. Durch das Gestrüpp, durch die Dornenhecke, wie Dornröschens Prinz.
Und es öffnet sich ein Platz. Vergessen seit Jahrzehnten. In der Mitte eine Ruine, alte Graffiti sind dran zu sehen. Aber auch die schon seit Jahren.
Es ist ruhig hier. Fläche umrandet von den Bäumen, in denen Vögel zwitschern. Eine Enklave inmitten der Stadt. Vergessen.
Und doch belebt. Setzt man sich, und wartet, dann kann man Menschen sehen. Die hier durchgehen. In Anzug und Krawatte die Pfützen überspringend. Auf dem Fahrrad, Schlaglöchern ausweichend. Das Handy am Ohr, ins Gespräch vertieft.
Es ist ein Durchgangsort. Zwischen Bibliothek und Innenstadt. Süden und Zentrum.
Ein Platz, der einfach da ist. Knutschende Pärchen in seinem Gesträuch versteckt, nistende Vögel in seinen Bäumen. Den man nutzen kann, um abzukürzen. Und um beim überqueren kurz durchzuatmen.
Da ist ein Himmel über Leipzig. Da ist Erde unter den Pflastersteinen. Da ist eine Stille unter dem alltäglichen Stimmengewirr.